Der gesündeste Sport der Welt
Mannheimer Ruderverein Amicitia e.V. von 1876
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Was der Rudersport alles trainiert
Es gibt keinen Sport, der so viele Hauptmuskelgruppen trainiert wie das Rudern. Rudern ist aber nicht nur Kraftsport, sondern genauso Ausdauersport - daher sind alle besseren Ruderer athletisch gebaut, irgendwo zwischen Hulk und Kipketer. Weltklasseruderer müssen über eine Strecke von 2 Kilometern volle Leistung bringen. Das sind - je nach Größe der Crew - rund sieben Minuten volle Power. Dabei kommt die meiste Kraft nicht etwa aus den Armen, sondern aus den Beinen. Daneben werden etwa Schultern, Bauch, Rücken oder auch die seitliche Rumpfmuskulatur mit der normalen Ruderbewegung trainiert.

Um Kraft und Ausdauer auch an Land trainieren zu können, bietet die Amicitia auch großzügig eingerichtete Fitness-Räume. Mitgliedern steht nicht nur ein voll ausgestatteter Kraftraum zur Verfügung ("Folterkammer", Benutzung erst ab 15 Jahren, und dann nur unter Aufsicht - alles andere hieße den Körper schädigen), sondern ebenso ein Ergometerraum und ein Ruderbecken zum Trockenrudern. Zum Ausgleich kann etwa Tischtennis oder Basketball gespielt werden.
Nicht nur ein gesunder Rücken
Im Training immer nur zu rudern wäre natürlich auch langweilig. So setzen sich die Trainingseinheiten aus unterschiedlichen Bereichen zusammen: im Winter wird in der Regel einmal pro Woche gelaufen, mindestens einmal wöchentlich finden verschiedene Ballspiele und Gymnastik statt, und dazu kommen noch weitere Einheiten wie etwa Schwimmen oder Rennradeln. Natürlich alles fachkundig durch staatlich anerkannte Trainer angeleitet.
Doch körperliche Fitness ist nicht alles. Erstmal müssen neue Bewegungen erlernt werden. Und die sind - ob Ihr's glaubt oder nicht - extrem schwierig und komplex. Dazu bewirkt Rudern eine "hippokampale Neurogenese", einen Prozess im Gehirn, der Euch aufnahmefähiger macht. Geistig fit sind Amicitianer sowieso. Woran die überdurchschnittlich guten Schulnoten von Amicitia-Mädels und Jungs liegen, weiß bis heute keiner so genau. Ist es das intelligente Umfeld im Ruderverein? Ist es die mit dem Rudern erlernte Fähigkeit, den Tag besser zu organisieren? Oder einfach die durch sportliche Siege oder einen besseren Körperbau erlangte Selbstsicherheit?

Ach ja, noch etwas: Wenn Ihr Raucher seid oder gewesen seid, braucht Ihr mit einem Rennrudertraining gar nicht erst beginnen - in diesem Wettkampfsport rächt sich so etwas nämlich überdeutlich. Nur bei den Freizeitruderern sind auch Raucher willkommen.


Gibt es Gesundheitsrisiken beim Rudern?
Trotz der ganzen hier verbreiteten Ruder-Euphorie muss auch mal gesagt werden: Auch wenn Wissenschaftler Rudern als gesündesten Sport überhaupt bewertet haben (siehe hier) - ein paar Risiken birgt es natürlich schon. Der positive Nutzen überwiegt zwar im Rudern überaus deutlich (der Ausdauer- und der Kraftfaktor), und jeder Jugendliche, der Ruderrennen bestreitet, muss mindestens einmal pro Jahr zur Sporttauglichkeitsuntersuchung, aber: Es gibt im Rennrudern einige typische Risiken, die insbesondere bei falscher Technik oder aber mangelnder sportmedizinischer Überwachung auftreten können. Mit richtig beigebrachter Technik sinkt also das ohnehin schon vergleichlos niedrige Gesundheitsrisiko - bis auf die Schwielen an den Händen.

Hände
An den Händen kommt es beim Rudern vermehrt zu Blasen- und Schwielenbildung (Ruderhand), das ist anfangs etwas gewöhnungsbedürftig. Zusätzlich kann es, hauptsächlich beim Riemen- und Kleinbootrudern, zu Quetschungen und Prellungen der Finger kommen, wenn diese an die Bordwand gehauen werden (was man deshalb besser unterlassen sollte ;-). Das Drehen der Ruder evoziert besonders im Winter gerne mal kleinere Sehnenscheidenentzündungen im Bereich der Handgelenke.

Wirbelsäule
Im Durchzug kommt es zu einer stärkeren Belastung der Wirbelsäule. Ob z.B. das Auftreten der Scheuermann-Krankheit (symptomatisch dafür: Rundrücken im Schulterbereich) durch Rudern hervorgerufen oder verstärkt wird, wird nach wie vor in der Sportmedizin sehr kontrovers diskutiert (in unserer Jugendgruppe wurde noch nie ein Scheuermann diagnostiziert). Auch Spondylolysen oder Wirbelgleiten (Spondylolisthesen) im Lendenwirbelbereich wird nur in einem relativ kleinen Teil der Literatur mit dem Rudern als signifikant in Verbindung gebracht - und dort auch deutlich weniger als bei Speerwerfern, Turnern oder anderen chronischen Hyperlordosierern (Hohlkreuzlern). Inwiefern diese Wirbelsäulenschädigungen, so sie denn vorhanden sind und mit dem Rudern in Verbindung stehen, wirklich vom Wassertraining herrühren und nicht vom (bei uns: funktionellen) Krafttraining an Land, sei dahingestellt.

Kniegelenke
Rudern ist nicht gleich Paddeln. Sondern: Rudern ist schneller. Das liegt zum einen am besseren Hebelverhältnis, aber nicht zuletzt auch daran, dass in der Ruderbewegung einer der größten Muskeln des Menschen mit eingesetzt wird - nämlich der "quadriceps femoris" zum Beinstrecken. Durch die Belastung der Knie während der Streckbewegung kann es in seltenen Fällen zu einer Knorpelerweichung und damit zu Knieschmerzen kommen (Chondromalazie), die wohl durch eine extreme Auslageposition unterstützt werden kann. Die Belastungen für das Knie sind auch hier beim Krafttraining an Land (Kniebeugen, Beinstrecken, Beinstoßen usw. - Hackenschmidt lässt grüßen...) deutlich intensiver als auf dem Wasser - zumal bei unsauberer Ausführung ohne Anleitung! Gelenkschäden treten im Rudern verglichen mit anderen Sportarten (z.B. ist Alpinski Knieverletzungs-Favorit, Brustschwimmen ist sehr knieschädigend, Volleyball und Basketball sind besonders anfällig für Verletzungen des Sprunggelenks) jedoch nicht besonders häufig auf. Bei Spiel-, Lauf- und Hebesportarten sind die Gelenkverletzungen in der Regel sehr viel deutlicher ausgeprägt.

Gewicht machen
Durch die Einteilung der Wettkampfmannschaften in Leichtgewichtsruderer und Ruderer der offenen Klasse sind erstere oft auf Diät - und zwar mitunter auch radikal, und mitunter auch durch Abschwitzen, wenn man das Gewicht beim ersten Verwiegen nicht hat (z.B. Laufengehen in praller Sommersonne mit Winterklamotten an). Eine Praxis, die in letzter Zeit schon einmal zum Tod eines Leichtgewichtsruderers in München geführt hat. Die Folgen von Hypoglykämie (Hungerast) und evtl. Ess-Störungen sind nicht zu unterschätzen!

Kreislauf
Wettkampfrudern ist sehr kreislauffördernd und -fordernd. Allgemein muss deshalb ein Mediziner konsultiert werden, bevor es in den Wettkampfsport geht...

Im Rudern gibt es annähernd null Gesundheitsgefährdungen durch Fremdeinwirkung - ein Foul ist nicht möglich, Unfälle auf dem Wasser dazu selten, auch wenn man nicht in Fahrtrichtung sitzt - und ebenso wenig eigene Schädigungsmöglichkeiten, es sei denn, man rudert technisch antiquiert! Wenn man es ganz genau nimmt, ist der kompensatorische Sportbetrieb an Land (Krafttraining, Lauftraining, Ballspiele im Hallentraining/AAT) bei uns Gesundheitsgefährdung Nummer eins! In jeder einzelnen dieser sogenannten saisonverkürzenden Disziplinen passiert im Schnitt pro Saison mehr als im eigentlichen Rudertraining - auch wenn wir die Trainingseinheiten immer mit größter Vorsicht und kleinstem Verletzungsrisiko konzipieren (so kam es bei uns in den letzten drei Jahren einzig und allein zu einem Hitzschlag - bedingt durch mangelnde Flüssigkeitsaufnahme des Ruderers - während einer hochsommerlichen Regatta, der sofort vom Regattaarzt behandelt wurde. Ansonsten gab es gar KEINE Verletzungen und sonstigen gesundheitlichen Beschwerden)!

Ein paar deutschsprachige Bücher zum Thema:
ENGELHARDT, M. et al. (Hrsg., 1997): GOTS-Manual Sporttraumatologie. Bern: Hans Huber.
RENSTRÖM, P. (Hrsg., 1997): Sportverletzungen und Überlastungsschäden. Prävention, Therapie, Rehabilitation. Köln: Deutscher Ärzte-Verlag.
STEINACKER, J.M. (Hrsg., 1987): Rudern. Sportmedizinische und sportwissenschaftliche Aspekte. Berlin: Springer-Verlag.
TITTEL, K. (2003): Beschreibende und funktionelle Anatomie des Menschen. München: Urban & Fischer.
WEINECK, J. (2002a): Sportanatomie. Balingen: Spitta.
WEINECK, J. (2002b): Sportbiologie. Balingen: Spitta.


Rudern als gesündester Sport bestätigt - Focus Sportarten-Ranking 1995
Das Nachrichtenmagazin Focus (Ausgabe 38/1995, Rubrik Forschung & Technik) hat im Jahr 1995 vierzig - also nahezu alle - bedeutende Sportarten analysiert und die einzelnen Kriterien mit Punktzahlen bewertet (Fitness, Sicherheit, Gesundheit, Umweltverträglichkeit).

Die Sicherheit-Note setzt sich zusammen aus der Wahrscheinlichkeit eines Unfalls und der Schwere der Verletzungen. Fünf Punkte gäbe es für eine Sportart, bei welcher keine Unfälle passierten. Hinter Schwimmen und den bewegungsärmeren Sportarten Tischtennis, Eisstockschießen, Kegeln und Golf mit jeweils der Bewertung 4,3 kam Rudern auf den 6. Platz: Mit einer Bewertung von 4,0.
Im Kriterium Fitness musste sich das Rudern (3,7) auch geschlagen geben, und zwar der Leichtathletik sowie dem Squash (beide 3,8). Rudern landete hier auf Platz 3, gleichauf mit Langlauf und noch vor Triathlon (3,6). Als unfitteste Sportart rangierte Bungee-Jumping ganz hinten.
Nur in der Kategorie Umwelt schaffte es Rudern nicht in die Top 10. Hier waren die Spitzenreiter Skateboarding und Inline-Skating mit 4,2; Rudern wurde - genau wie Langlauf und Leichtathletik - durch einen hohen Ressourcenverbrauch nur der Wert 3,7 zugewiesen. Schlusslichter hier waren Ski alpin und Segelfliegen mit je 1,4.
In puncto gesundheitlicher Nutzen (berechnet sich aus den Werten für Sicherheit und Fitness) belegte Rudern den ersten Platz mit Note 3,2 vor Triathlon und Leichtathletik mit je 2,9. Der Grund: In kaum einer anderen verletzungsarmen Sportart wird fast die gesamte Muskulatur so gut geschult wie beim Rudern. Als ungesündeste Sportarten wurden Bungee-Jumping, Paragliding und Segelfliegen jeweils mit 0,2 bewertet.
Im Gesamt-Ranking sicherte sich Rudern knapp hinter Triathlon (Bewertung 7,1) die Silbermedaille (mit 6,9). Zum Vergleich: Jogging belegte Platz 9, Schwimmen kam auf einen guten 11. Platz, Tennis sicherte sich Rang 18, König Fußball kam auf den 29. Platz und Eishockey auf Platz 37. Das Schlusslicht bildete das Segelfliegen mit einer Gesamtnote von 1,4.

Dieses Ranking mag zwar hinsichtlich der Fitness, Gesundheit und umweltlichen Aspekte korrekt sein, ist jedoch nicht vollständig. Hier fehlen die subjektiven Gefühle, die man beim Betreiben der jeweiligen Sportart empfindet, z.B. der Nervenkitzel am Bungee-Seil, beim Fallschirmspringen oder das Gefühl des Schwebens im Segelflieger oder Ruderboot. Da muss sich jeder sein eigenes Bild machen. Und kann damit gerne bei uns anfangen.